Und heute, drei Monate später nach dem Krankenhaus?

Wie gehts Dir? Hast Du noch Schmerzen? 

Das sind die beiden Fragen, die ich in den letzten drei Monaten am häufigsten gehört habe. Dabei hatte ich nie Schmerzen und es ging mir auch nicht wirklich schlecht. Gut, so ein Krankenhausaufenthalt ist nicht schön, aber das ist ja ein anders Thema. Fakt nach drei Monaten: es dauert noch, aber es tut sich was.

Und wieder zu Hause

Karfreitag durfte ich die Neurologie wieder verlassen. In der Klinik konnte man nichts mehr für mich tun (ich frage mich zwar immer wieder was genau FÜR mich getan wurde, aber….), da alle Untersuchungen abgeschlossen und ohne Befund waren. Für zu Hause bekam ich Merkblatt mit Gesichtsübungen, die ich mehrmals täglich machen sollte. Dies Übungen sollen die Mimik trainieren und die Heilung des Nervs unterstützen. Zu Beginn war ich sehr motiviert und habe drei mal täglich meine Übungen gemacht. Am Anfang tat sich erst einmal gar nichts, die linke Gesichtshälfte blieb komplett regungslos und das Auge offen – dies trübte die Stimmung ein wenig. Um mich rum guckten alle leicht überfordert und rieten mir zu Geduld. Eine andere Wahl hatte ich auch nicht, die Prognose im Krankenhaus sagte ja Ähnliches: Tage, Wochen, Monate, Jahre.

Warum der Strohhalm mein bester Freund wurde

Da war ich also wieder zu Hause, hatte Hunger und wollte mir mit Olli einen schönen Abend machen. Leider habe ich nicht bedacht, dass essen und trinken mit einer halbseitigen Lähmung gar nicht so leicht ist. Ähnlich wie nach einem Zahnarztbesuch mit Betäubung und doch anders, denn die Regungslosigkeit bleibt. Essen wurde nun also klein geschnitten und in Miniportionen mit der Gabel in den Mund geschoben. Kauen war reine Glückssache bzw. ich habe versucht nur rechts zu kauen, das war für die linke Wangenseite wesentlich schonender – man schmeckt ja nur das Blut, wenn man sich gebissen hat, spüren war nicht. Noch komplizierter als das Essen, war allerdings das Trinken. Glas oder Tasse ansetzen und trinken war völlig unmöglich. Bei Kaltgetränken hätte ich mich danach wieder umziehen können bei Heißgetränken zum Frühstück, hätte ich mir erst die Zunge verbrannt und danach auch nochmal die Kleidung wechseln dürfen. Ziemlich frustrierend, wenn so kleine und selbstverständliche Dinge nicht klappen. Aber da es mir an Kreativität nicht mangelte, gab es Getränke ab dem Zeitpunkt eben nur noch mit dem Strohalm, Schnabeltassen gibt es im Hause Stanossek/Widera nämlich noch nicht. Ich kann nun also sagen, der Strohhalm wurde zu meinem besten Freund. Ob bei der Taufe meines Lieblingsneffens für den Prosecco, den aus London mitgebrachten Cider, den von Mama und Papa zur Verlobung spendierten Champagner oder auch den morgendlichen Frühstückstee. Man muss sich nur zu helfen wissen und Verzichten kam für mich definitiv nicht in Betracht. Warum auch?

drei Monate später is der Strohhalm immer noch der beste Freund

Und wie lange bist du krank geschrieben?

Eine Frage, die ich ebenfalls immer wieder gehört habe. Ich war nach dem Krankenhaus noch eine Woche krankgeschrieben,  danach bin ich wieder arbeiten gegangen. Sowohl bei der Roland, als auch im Theater. Es war allerdings nicht ganz so leicht. Bei der Roland musste ich acht Stunden am Stück sprechen, was ziemlich anstrengend war, immerhin konnte ich nur mit der rechten Mundseite reden und die Konsonanten „p“ und b“ gingen durch die Beeinträchtigung des Mundes gar nicht. Ebenso das „f“. Beim Durchgeben der Kundendaten musste ich mich also sehr konzentrieren und innerlich öfter mal lachen, besonders bei den Telefonnummern der Dänen, deren Vorwahl immer die +45 war. Ich hatte aber den Dreh schnell raus, wie ich dem Menschen am andern Ende des Telefons, alle wichtige Daten durchgeben konnte und er auch eine Chance hatte, mich zu verstehen.

Mein „mutiges“ Entgegentreten der Gäste

Mich im Theater wieder den Gästen zu stellen, kostete ein wenig mehr Überwindung, da ich hier den direkten Kontakt zum Gast habe. Es kam für mich allerdings nicht in Frage, nur weil mein Gesicht nicht so aussah, wie es aussehen sollte, zu Hause zu bleiben. Dazu mach ich den Job zu gerne. Viele unsere Stammgäste, die mich vor Ostern schon schmerzlich vermisst hatten, waren froh mich wider zu sehen und fanden es sehr toll und mutig zugleich. Die meisten bewunderten, dass ich schon wieder arbeite, aber sind wir doch mal ehrlich: wie lange hätte ich mich denn krank schreiben lassen sollen? Tage, Wochen, Monate, Jahre? Da wäre ich vor Langeweile zu Hause eingegangen. Trotzdem habe ich mich  natürlich gefreut, wenn meine Chefin oder auch Freunde gesagt haben, dass sie es klasse finden, dass ich schon wieder vor die Tür gehe.

Und heute, drei Monate später?

Was soll ich sagen? Nach ca. 3 Wochen begann die Stirn sich wieder zu runzeln. Das Auge ging Tag für Tag ein Stückchen weiter zu. Nach 4 Wochen konnte ich wieder aus einem Glas oder eine Tasse trinken, was ich auf unserem Roadtrip durch Irlands Westen sehr begrüßt habe. Seit Anfang Juni kann ich wieder aus ner Flasche trinken, ein tolles Gefühl, wenn nichts mehr daneben geht, wodurch man sich ein wenig dämlich vorkommt. Mein Auge geht seit einer guten Woche wieder ganz zu, sprich nachts kommt noch Salbe rein, aber der Uhrglasverband wird nicht mehr benötigt. Endlich sagt der Mann neben mir im Bett nicht mehr, dass er neben einem Cyborg schläft.

Aber das aller aller Beste: der linke Mundwinkel bewegt sich seit dem letzten Wochenende!! Er geht noch nicht nach oben, aber ein leichtes Lächeln ist zu erkennen und die Wange bewegt sich mit. Aber schaut selbst:

Selfie Fazialisparese, drei Monate später

Das erstes Selfie, drei Monate nach dem Krankenhaus – es wird also, ich brauche nur noch ein bisschen Geduld 😉

 Und wie sieht es nach einem Jahr aus? Grund zum Jubeln? 

7 Comments Und heute, drei Monate später nach dem Krankenhaus?

  1. inka 07/07/2016 at 11:35

    Meine Güte.
    Ja klar, sicher gibt es Schlimmeres, es gibt immer Leute, denen es schlechter geht. Aber ich finde dennoch, dass Du eine echte Heldin bist, wie tapfer und wenig jammernd Du das bis hierher durchgestanden hast, INSBESONDERE weil ja gar nicht klar war (und ist), wie lange es überhaupt braucht bis zur Regenerierung. Furchtbar stelle ich mir das vor, ehrlich gesagt, bei mir wäre da einiges aus den Fugen. Heute bist du meine Heldin. 🙂
    Liebe Grüße und weiterin gutes Regen
    /inka

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    1. Mila 07/07/2016 at 13:09

      Ach Inka <3 Danke für deine lieben Worte!
      Ja, es gibt Schlimmeres! Wobei - meine Geduld wird gerade sehr auf die Probe gestellt, dass ist für mich das Schlimmste 😀 Aber mal ohne Scherz, ich bin froh, dass sich nun so langsam, SEHR langsam, was tut, denn es zerrt doch immer mal wieder ganz schön an den Kräften. Gerde das ich am Anfang nicht einfach draußen essen und trinken konnte, das war schon hart, weil eigentlich so selbstverständlich. Aber: so lernt man, sich auch über kleine Dinge zu freuen 🙂
      Liebe Grüße, Mila

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  2. Ellen 07/07/2016 at 16:33

    Liebe Mila
    Du bist mit Deiner Stärke mehr als bewunderswert! Toll, wie Du dem Schicksal die Stirn bietest und ihm damit den Wind aus den Segeln nimmst!
    Ich wünsche Dir weiterhin gute Besserung und viele, viele Fortschritte!
    Liebe Grüsse,
    Ellen

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    1. Mila 08/07/2016 at 09:27

      Danke liebe Ellen! Ich glaube, es ist diese Mischung aus Pragmatismus & rheinischem Frohsinn, die mich wenig jammern lassen, da ich mir immer sage: davon gehts auch nicht schneller. Aber es nervt mich hin und wieder schon gewaltig, wie ich ja auch geschrieben habe. Als Reiseblogger an tollen Orten (ich sage nur Westirland) nicht breit in die Kamera lächeln zu können, das nervte schon sehr 😉 Aber, durch Stockholm nächste Woche, kann ich immerhin leicht grinsend laufen!
      Liebe Grüße, Mila

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  3. vielweib 08/07/2016 at 09:22

    Du bist so tapfer Mila! Du bietest die Stirn und bist so positiv (und das, obwohl Du gar nicht wusstest, wann es besser wird). Dein Lächeln auf dem Selfie ist wunderschön Mila <3

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    1. Mila 08/07/2016 at 09:30

      Danke Tanja :-* Ich persönlich seh mich gar nicht als tapfer. Ich bin doch sehr pragmatisch, ist gerade so, kann man nicht ändern, musste mit leben. Der rheinische Frohsinn ist in mir jedoch sehr ausgeprägt, das hilft wohl ungemein. Ganz ehrlich freu ich mich aber schon sehr darauf, wenn ich an wunderschönen Orten dieser Welt, wieder mir einem breiten Grinsen in die Kamera lächeln kann 😀
      Liebe Grüße, Mila

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